12. Flüchtlingskind 1949

Jutta  Arth Aachen  Deutschland

Als ich fast sechs Jahre jung war, verließ meine Mutter mit mir die Stadt Gdansk (polnisch), bis 1945 auf Deutsch Danzig in Westpreußen. - -Meine Mutter hatte vom Roten Kreuz die Mitteilung erhalten, dass mein Vater 1949 aus russischer Gefangenschaft entlassen wurde.

In Danzig durfte ich kein Wort Deutsch sprechen, weil der Hass auf die verbliebenen Deutschen zu groß war.
Wir waren zwei Wochen in Richtung Westen (Friedland) mit dem Zug unterwegs. Dort wurden wir wie viele andere mit Verpflegung versorgt.

Dann kam der Tag, als wir mit dem Zug in Frankfurt ankamen. Am Bahnhof angekommen, wartete schon mein Vater, der mich zuletzt nur als Baby gesehen hatte.

Die Verständigung war natürlich schwierig. Er konnte aus der Gefangenschaft ein paar Worte Russisch und versuchte mit mir zu sprechen. Es gibt nur wenige Worte, die in Polnisch genauso klingen. Aber das war für uns beide nicht so wichtig, viel mehr sprachen die Umarmungen und die Küsschen, die mein Vater mir gab. Es  gab Gelegenheiten, wo er mir mit “Ja“ antwortete und ich sagte, „Aber Papa, du musst doch nein sagen!“

Unsere Unterkunft war eine ärmliche Bodenkammer, bestehend aus zwei Räumen. Anfangs hatte mein Vater Schwierigkeiten, diese ärmliche Behausung zu bekommen. In dieser Zeit gab es viele junge Frauen, die mit stationierten Amerikanern gingen. Die Vermieter der Bodenkammern bekamen dann allerlei Dinge von den Mietern und darum wollte man uns so eine ungern zu Verfügung  stellen.
Meine Mutter nähte mit der Hand aus Mehlsäcken, die mein Vater organisierte, Bänder, um die Balken an den Wänden zu verdecken. Unsere Toilette war über die Straße in einer Ruine. Wasser bekamen wir aus einer Leitung im Hausflur.

Mein erstes Bett lag verrostet in einer Ruine. Vater schmirgelte den Rost ab und strich das Bett weiß an.

Zuerst kam ich in den Kindergarten  und nach sechs Monaten kam ich in die erste Klasse. Inzwischen hatte ich schon gut Deutsch gelernt und die Leute begegneten uns mit Freundlichkeit. Sie beobachteten aber auch genau unser Verhalten, registrierten, dass wir uns gut in die Dorfgemeinschaft einfügten. Ich hatte bald ein paar Spielkameradinnen gefunden und war in deren Familien gern gesehen.

Später bekam mein Vater, der in Danzig Polizist war, die Wiedereinstellung zur Polizei, wir bekamen eine kleine richtige Wohnung und unser Leben normalisierte sich…..

Kommentare

Beliebte Posts aus diesem Blog

38. Gute Taten

39. Sand

40. Supermarkt